Lieber Hatz,
leider muss ich mich dagegen verwahren, den ollen Maxen in unsere Bibliothek des Bösen aufzunehmen. Nur weil wer das Wort Arschloch verwendet, ist er noch lange kein Verbal-Assassine; und in punkto jüdischer Witz spielt Maxim al in der Halben-Hähnchen-Klasse. Mehr was für den hohlen Zahn, wenn Du mich frägst.
Zudem argwöhne ich heftig, dass das Billermännchen letztlich nur den einen Grund hatte, immerhin seinen Lieblingsgrund, etwas gegen den Unheiligen Thomas vorzubringen, nämlich: Ein Jahr nach Bremen musste Thomas Bernhard wieder nach Bremen, jetzt war er selbst Mitglied in der Preisjury, und als er Elias Canetti vorschlug, sagte jemand am Tisch, um seine Ablehnung zu begründen: „Der ist ja auch Jude“, und das war es. Endlich! Endlich konnte der große Held und Arschlochbeschimpfer und Mitläuferverächter Thomas Bernhard zeigen, was für ein anständiger Mensch er selbst war. Aber er sagte nichts, gar nichts, er „zog es vor, mich an der weiteren Debatte überhaupt nicht zu beteiligen“, dieser beschissene, feige Mitläufer, der er selbst war. In der Billerschen Semantik riecht das nämlich schon nach Holocaust.
Mit Verlaub, dieser eingebildete Krakeeler geht mir, wie Du ja schon wusstest, auf den Sack. In der Tat liebe ich den jüdischen Witz in beiderlei Sinn, als (oft selbstironischen) Humor wie als literarischen Esprit. Leider ist Biller zu beidem nicht fähig. Dass einzige, was er mit Heine gemein hat, ist die gelegentliche Gemeinheit - bei Heine und den großen jüdischen Essayisten steht sie aber immer zwischen den Zeilen. Die plakative Variante erscheint mir in diesem Zusammenhang eher armselig als mutig. Biller mag also fremder Leute Lebenslügen nicht, genau so wenig wie die Bremer Stadtmusikanten, zumindest an der Basis. (Nebenbei: Bernhard sagt mir nicht viel, wie ich einschränkend eingestehen muss.) Das lenkt ja auch prima von den eigenen Unzulänglichkeiten ab - Du müsstest ihn mal als deutsches Talkshow-Gewissen sehen! (Oder auch nicht; ich hatte jedenfalls ein paar Mal das Missvergnügen.) Also: ich kann und werde ihm durchaus jenen Witz absprechen, den ich etwa an meinem lieben Heini so schätze.
Da war mir Dein Artikel schon lieber, obwohl er in der Tat gänzlich humorfrei scheint. Didi Dath ist aber auch kein dankbarer Vorlagengeber für einen Neuen Deutschen. Meinen Privat-Verriss des Buches kennst Du ja auch schon; Du hast wesentlich positiver geurteilt, zumindest ex negatione. Kannst Du ja auch. Apropos Dath - wenn wir mal viel Zeit hätten, könnten wir ja den Marxismus ordentlich zu Ende denken. Hat leider (meiner Kenntnis nach) noch keiner gemacht! Und damit tun gerade die Marxisten Marx und mehr noch Engels keinen Dienst. Natürlich müssten wir dazu zunächst erst alle moralischen Verdikte aus der Analyse entfernen, um die mögliche Utopie in einem zweiten Schritt ethisch zu fundieren. Erst kommt das Fressen und dann die Moral! (Muss man nicht als Ansicht teilen, müsste aber tatsächlich das Fundament des marxschen Denkens sein.) Ist möglicherweise sogar möglich, natürlich nur möglicherweise möglich, den Homo oekonomicus zur Basis der Theorie zu machen. Vielleicht morgen? Oder irgendwann?
Dein (ich schreib Dir dann ungeliebt SMS) R.
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