Freitag, 16. Januar 2009

Arbeit, Entfremdung

Lieber R.,

vorausgesetzt, wir folgen der These, das Sein bestimme das Bewusstsein, schlage ich vor, uns zunächst mit den Begriffen "Arbeit" und "Entfremdung", speziell in der Marxschen Auffassungsweise, auseinanderzusetzen.

Genau genommen reden wir doch seit Wochen über nichts anderes mehr als über die Möglichkeit einer Arbeit, die uns möglichst wenig von uns selbst entfremdet - und über die marternde Entfremdung jener Arbeit, von der wir derzeit leben (sprich: über unser Sein). Und wenn das nicht so wäre, hätten wir uns hier (und in der Tagung) wohl kaum dem alten Zottel und seinem vermögenden Kumpel mit dem Himmelsboten-Namen zugewandt (sprich: dem Wunsch nach Pflege und Erweiterung unseres Bewusstseins).

Ich erinnere mich sogar daran, dass wir - vermeintlich ganz ohne Marx - vor einigen Wochen schon einmal über "Arbeit" debattierten: Während Du den Zwangscharakter jeglicher Arbeit betontest (und also Arbeit mit Pein gleichsetztest, dies womöglich sogar ethymologisch untermauertest???), war ich der Ansicht, dass eine Arbeit ohne Entfremdung möglich sein müsse.

Eine solche Arbeit zu finden, wäre einer meiner dringlichsten Wünsche (bzw. mein Wille). Wie könnte dieser Beruf heißen? Künstler. Und an diesem Punkt kommst Du mit dem "Realitätsprinzip". Ich übersetze: Was wir tun, muss uns auch ernähren. Und prompt sind wir mitten in jenem Dilemma, das Marx vielleicht nicht als erster erkannte, aber doch am deutlichsten formulierte. Das menschliche Wesensmerkmal "Arbeit", verstanden als freie und schöpferische Gestaltung der eigenen Umwelt, wird unter kapitalistischen Bedingungen nahezu verunmöglicht, weil derjenige, der nicht über nennenswerte Produktionsmittel verfügt (also ich) dem Zwang ausgesetzt ist, seine lebenserhaltende Produktivkraft mittels entfremdeter Arbeit (also Knechtschaft) wenigstens zu reproduzieren.

Daran wird es auch nichts ändern, wenn Du, wie es ja gerade Deine Maxime ist, Dein "eigener Chef" wirst, solange Du abhängig bist von der Gunst gewisser Geldgeber. Wenn Du Dich clever anstellst, macht Dir das Abzocken aber womöglich zumindest ein bisschen Spaß. Und außerdem verfolgst Du als "Stadtplaner" ja auch noch eine Mission, ja ja. Welchen noch mal?

Ich glaube, dass auch Geist eine Art Kapital sein kann, aus dem sich Gewinn schlagen lässt - und zwar nicht nur privater, sondern gesellschaftlicher, ergo: gemeinnütziger. Dieses Kapital zu vermünzen allerdings setzt zwei Dinge voraus, an denen es mir mangelt: Selbstsicherheit und Zeit.

Abgesehen davon, dass ich es widerwärtig finde, unter dem Druck Deines "Realitätsprinzips" Geist in Geld umwandeln wollen zu müssen, ist die Nachfrage nach Geist in der Welt, die ist, nicht eben greifbar. Das heißt nicht, dass sie nicht existiert. Womöglich wäre auch dies eine lohnende Aufgabe für uns: herauszufinden, wer wo und warum ein Geistdefizit verspürt. Und wie es dieses aufzufüllen gelte. Das zu versuchen, fände ich reizvoll, allein ich zweifle an meiner Fähigkeit. (Was, außer konfus herumzulabern, kann ich tatsächlich? Und was Du?)

Na? Dein M.

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