Sehr verehrter Herr Otto Müller,
die guten Vorsätze sind die guten Sätze vor den Nachsätzen. Was brachte also der Tag? Kopfschmerzen. Sonst kaum Berichtenswertes. Ein Kurztelefonat mit der Lise. Einen Grillabend im ND-Hof mit den Kindern im Schlepptau. Ein Kurztelefonat mit dem Winni (Folge eines vorausgegangenen Kurztelefonats mit der Werkstatt, in der unser Auto heute schon zum zweiten Mal nächtigt).
Ach apropos nächtigen: Als ich gestern nach Hause kehr und nichts als Flausen im Kopf, da kommt doch aus der Nachbarwohnung tatsächlich ein schönes Geräusch. Bin glatt zehn Sekunden im Türrahmen stehengeblieben und habe andächtig gelauscht, schön, schön und sehr fantasieanregend. Konnte akustisch nicht ganz lokalisieren, hinter welcher der beiden gegenüberliegenden Türen sich das Spektakel ereignete. Da aber ganz offensichtlich eine Frau im Spiel war, wird es nicht die der schweigsamen Homo-Yuppies gewesen sein, sondern eher die des kleinwüchsigen, aber kräftigen, alleinwohnenden, aber nicht kinderlosen, kettenrauchenden, aber kerngesunden, jung aussehenden, aber bestimmt schon 30-jährigen Kleinunternehmers (Möbelpacker), der laut KFZ-Kennzeichen (und Dialekt) aus Landsberg am Lech stammt (LL). Gut, der Mann.
Wird Dich nicht weiter interessieren, schon klar. Aber mir hat's gefallen. Bin dann gleich ins Bett. Tief und traumlos geschlafen. Danach Kopfschmerzen. Sonst nichts Berichtenswertes.
Und selbst? Dein M.
P(M)S: Auszüge aus dem Text, den ich schon fast vergessen hatte, bevor wir drüber sprachen:
Wir Journalisten sind Nachrichten-Verarbeiter.
Wir beschäftigen uns damit, über Ereignisse des Tages, die ausnahmslos ohne unser Zutun geschehen sind, im Nachhinein zu richten. Wir nennen das Arbeit. Schon durch unsere Auswahl richten wir darüber, was es wert ist, verbreitet zu werden. Schon durch unsere Ignoranz richten wir darüber, was dem Vergessen anheim fallen soll.
Unsere eigentliche Arbeit aber besteht darin, über die erwählten Ereignisse zu richten. Wir berichten keineswegs Fakten (welche Fakten?), wir bewerten sie. Dokumentation ist Fiktion. Bildung ist Meinungsbildung. Wir entscheiden, was wichtig ist, warum es wichtig ist und wie wichtig die richtige Bewertung des Wichtigen ist.
Unsere Triebfeder ist in der Regel Loyalität. [...] Bestenfalls ist unsere Triebfeder die Neugier. Neu-Gier. Gierig nach Neuem zu sein aber heißt, das Alte fad zu finden. Gier nach Neuem setzt den Überdruss am Alten voraus. Neugier ist Interesse an Fortschritt. Interesse heißt, sich zwischen etwas zu mischen, teil daran haben zu wollen. Ich kann mich nicht für etwas interessieren müssen.
[...]
Wir Journalisten sind die Propheten des Diesen und Jenen. Wir Journalisten leben von Zwietracht. Wir Journalisten lieben den Disput. Wir Journalisten wären ohne Profession, hätten wir keinen Streit mehr vor uns, über den nachzurichten wäre.
Da es nun aber so ist, dass ich das Neue nicht einholen kann, noch will, fragt sich: Was bleibt vom Tag?
Was bleibt vom Tag? Das ewig Neue, immer Gleiche. Menschen. Bäume. Steine. Kommen, Bleiben, Gehen. Bleiben. Gehen. Kommen. Schönheit. Kunst.
Im Neuen das Alte erkennen, im Spezifischen das Allgemeine: Kann das auch Aufgabe sein für uns Journalisten?
Neugier wäre dann die Gier nach Neuem, in dem für wahr Befundenes wiederkehrt. Bestätigung durch Überraschung. Fortschritt wäre ein Schritt voran in sicheres Terrain. Die Revolution des Konservativen. Die Bewahrung des alles Verändernden.
Häh, Dialektik?
Aufgabe: Aufgeben. Wahrheit: Bewahren. Anfang: Ende.
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