Entgegen dem ungeschriebenen Gesetz, dass eine Zeitung keine Leserbriefe druckt, die persönliche Schmähungen gegen Autoren oder Redakteure jenes Blattes enthalten, finden sich in der aktuellen F.A.S. derer gleich zwei, die sich beide auf den verlinkten Biller-Text beziehen. Meine Vermutung ist nun, dass "Rüdiger Dittrich, Gießen" eines Deiner zahllosen Pseudonyme ist. Du also schreibst:
Im Grunde ist es Unfug, sich zu Maxim Biller zu äußern. Seine Kolumnen (...) sind angesichts ihres Mittelmaßes nicht der Rede wert. Dass der große Provokateur sich aber so exaltiert und raumgreifend ausbreiten darf wie in der unsäglichen Buchkritik (?) zu Thomas Bernhards "Meine Preise", ist schlicht ein Ärgernis. Sein Hass-Potential in allen Ehren, aber mehr hat Maxim Biller nun wirklich nicht zu bieten. Einschläfernd ist nicht die dem Zeitgeist weit vorauseilende und hochliterarische Prosa Bernhards, sondern es sind die mittelmäßigen "Arschloch-Tiraden" des Möchtegernschriftstellers Biller. Eine Erzählung wie "Amras" zu schaffen, davon darf Biller in ferner Zukunft vielleicht einmal träumen, wenn er denn vor Selbstverliebtheit überhaupt schlafen kann. Falls der Ausstieg seines Textes eine ironische Wendung sein soll, dann ist auch die leider misslungen. Schade eigentlich. 1994, so ist zu erfahren, hat Maxim Biller den Tukan-Preis erhalten. Der Tukan ist ein kurzflügeliger Vogel mit riesigem Schnabel. Jeder bekommt den Preis, den er verdient.
Ja, lieber Rüdiger, das hast Du hübsch formuliert. Angsteinflößend, nein, eher abstoßend, finde ich lediglich den Beginn Deines Briefes. Wer es anprangert, dass sich irgendwer irgendwozu ergießen "darf", der ist zweifellos ein Befürworter der Zensur. Ich habe nichts dagegen, gegen Biller zu polemisieren und ihm seinen großen Tukan-Schnabel verbal zu stopfen. Aber zu fordern, dass dieser Schabel zugeschnürt oder gar abgehauen wird, ist autoritär, also dumm.
Kommen wir zu Marx. Bitte formuliere in drei (relativ kurzen) Sätzen, was für Dich der Kern seiner Weltanschauung ist. Möglich wären auch drei (relativ kurze) Originalzitate, die mehr als andere fürs Ganze stehen. Einer, der dabei für mein Empfinden auf keinen Fall fehlen dürfte, wäre der aus dem Humboldt-Foyer:
Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern.
Das Realitätsprinzip. Theoretisch. In ihrer Anwendung führte die gemeinte Veränderung ja bekanntlich auf lange Sicht am Ziel vorbei.
Dies also die Hausaufgaben. Zensuren zu verteilen, beabsichtige ich (noch) nicht.
Bis morgen, Dein Mar. X.
PS: Unter einem weiteren Pseudonym beantwortetest Du mir meine Frage nach Merckles Suizid noch einmal ausführlich. Dafür danke.
Mittwoch, 14. Januar 2009
Dienstag, 13. Januar 2009
Brot statt Biller
Lieber Hatz,
leider muss ich mich dagegen verwahren, den ollen Maxen in unsere Bibliothek des Bösen aufzunehmen. Nur weil wer das Wort Arschloch verwendet, ist er noch lange kein Verbal-Assassine; und in punkto jüdischer Witz spielt Maxim al in der Halben-Hähnchen-Klasse. Mehr was für den hohlen Zahn, wenn Du mich frägst.
Zudem argwöhne ich heftig, dass das Billermännchen letztlich nur den einen Grund hatte, immerhin seinen Lieblingsgrund, etwas gegen den Unheiligen Thomas vorzubringen, nämlich: Ein Jahr nach Bremen musste Thomas Bernhard wieder nach Bremen, jetzt war er selbst Mitglied in der Preisjury, und als er Elias Canetti vorschlug, sagte jemand am Tisch, um seine Ablehnung zu begründen: „Der ist ja auch Jude“, und das war es. Endlich! Endlich konnte der große Held und Arschlochbeschimpfer und Mitläuferverächter Thomas Bernhard zeigen, was für ein anständiger Mensch er selbst war. Aber er sagte nichts, gar nichts, er „zog es vor, mich an der weiteren Debatte überhaupt nicht zu beteiligen“, dieser beschissene, feige Mitläufer, der er selbst war. In der Billerschen Semantik riecht das nämlich schon nach Holocaust.
Mit Verlaub, dieser eingebildete Krakeeler geht mir, wie Du ja schon wusstest, auf den Sack. In der Tat liebe ich den jüdischen Witz in beiderlei Sinn, als (oft selbstironischen) Humor wie als literarischen Esprit. Leider ist Biller zu beidem nicht fähig. Dass einzige, was er mit Heine gemein hat, ist die gelegentliche Gemeinheit - bei Heine und den großen jüdischen Essayisten steht sie aber immer zwischen den Zeilen. Die plakative Variante erscheint mir in diesem Zusammenhang eher armselig als mutig. Biller mag also fremder Leute Lebenslügen nicht, genau so wenig wie die Bremer Stadtmusikanten, zumindest an der Basis. (Nebenbei: Bernhard sagt mir nicht viel, wie ich einschränkend eingestehen muss.) Das lenkt ja auch prima von den eigenen Unzulänglichkeiten ab - Du müsstest ihn mal als deutsches Talkshow-Gewissen sehen! (Oder auch nicht; ich hatte jedenfalls ein paar Mal das Missvergnügen.) Also: ich kann und werde ihm durchaus jenen Witz absprechen, den ich etwa an meinem lieben Heini so schätze.
Da war mir Dein Artikel schon lieber, obwohl er in der Tat gänzlich humorfrei scheint. Didi Dath ist aber auch kein dankbarer Vorlagengeber für einen Neuen Deutschen. Meinen Privat-Verriss des Buches kennst Du ja auch schon; Du hast wesentlich positiver geurteilt, zumindest ex negatione. Kannst Du ja auch. Apropos Dath - wenn wir mal viel Zeit hätten, könnten wir ja den Marxismus ordentlich zu Ende denken. Hat leider (meiner Kenntnis nach) noch keiner gemacht! Und damit tun gerade die Marxisten Marx und mehr noch Engels keinen Dienst. Natürlich müssten wir dazu zunächst erst alle moralischen Verdikte aus der Analyse entfernen, um die mögliche Utopie in einem zweiten Schritt ethisch zu fundieren. Erst kommt das Fressen und dann die Moral! (Muss man nicht als Ansicht teilen, müsste aber tatsächlich das Fundament des marxschen Denkens sein.) Ist möglicherweise sogar möglich, natürlich nur möglicherweise möglich, den Homo oekonomicus zur Basis der Theorie zu machen. Vielleicht morgen? Oder irgendwann?
Dein (ich schreib Dir dann ungeliebt SMS) R.
Montag, 12. Januar 2009
Biller, Bernhard, Blödsinn, Bier
Mannmannmann, man kommt zu nischt mehr als Vollzeit-Vati. Habe jetzt erst die FAS der Vorwoche durchgeblättert, die neue liegt noch unangetastet aufm Tisch. Im Feuilleton vom 4.1. fand ich einen Text, der in puncto Bösartigkeit in unsere Bestenliste aufgenommen werden könnte, zumal es sich streckenweise um gebildete Bösartigkeit handelt.
Autor ist jener Maxim Biller, über den mit Dir unterhalten zu haben ich mich zu erinnern meine. Jaja, dieser Typ, von dem man zwar noch nie etwas gelesen hat bis auf ein paar bissige Glossen und zynische Jurorenreden, über den man aber trotzdem alles zu wissen glaubt, weil eine zeitlang ständig über ihn geredet und geschrieben wurde: der mit dem verbotenen Buch, in dem eine Ex-Olle sich erkannt haben wollte und verleumdet fühlte und so weiter. Ich glaube, Du mochtest den Typen nicht besonders, worüber ich mich nur deshalb wunderte, weil Du ansonsten dem jüdischen Witz nicht abhold bist. Eine gewisse Art jenes Humors (oder Sarkasmus) kann man dem Biller jedenfalls nicht absprechen. In diesem Falle trifft er einen unglücklichen Vertreter einer gebeutelten alpenländischen Minderheit, von dem Du in Deinem Studium gehört haben dürftest.
Und wo ich gerade dabei bin, die Verlinkungsschaltfläche wiederzuentdecken, will ich Dir auch diesen Text hier nicht vorenthalten, obwohl ich ihn weder für bösartig noch für sonderlich geistvoll halte. Bloß, weil wir neulich drüber sprachen.
Apropos sprechen: Wird's nun was morgen? Werde kaum dazu kommen, in die Röhre zu kieken, bitte Dich deshalb um Benachrichtigung per Anruf oder (lieber) ungeliebter Kurznachricht.
Autor ist jener Maxim Biller, über den mit Dir unterhalten zu haben ich mich zu erinnern meine. Jaja, dieser Typ, von dem man zwar noch nie etwas gelesen hat bis auf ein paar bissige Glossen und zynische Jurorenreden, über den man aber trotzdem alles zu wissen glaubt, weil eine zeitlang ständig über ihn geredet und geschrieben wurde: der mit dem verbotenen Buch, in dem eine Ex-Olle sich erkannt haben wollte und verleumdet fühlte und so weiter. Ich glaube, Du mochtest den Typen nicht besonders, worüber ich mich nur deshalb wunderte, weil Du ansonsten dem jüdischen Witz nicht abhold bist. Eine gewisse Art jenes Humors (oder Sarkasmus) kann man dem Biller jedenfalls nicht absprechen. In diesem Falle trifft er einen unglücklichen Vertreter einer gebeutelten alpenländischen Minderheit, von dem Du in Deinem Studium gehört haben dürftest.
Und wo ich gerade dabei bin, die Verlinkungsschaltfläche wiederzuentdecken, will ich Dir auch diesen Text hier nicht vorenthalten, obwohl ich ihn weder für bösartig noch für sonderlich geistvoll halte. Bloß, weil wir neulich drüber sprachen.
Apropos sprechen: Wird's nun was morgen? Werde kaum dazu kommen, in die Röhre zu kieken, bitte Dich deshalb um Benachrichtigung per Anruf oder (lieber) ungeliebter Kurznachricht.
Sonntag, 11. Januar 2009
Ü 30 sanitär
Liebe Kobra in spe,
danke für Deinen gut gemeinten Trinkspruch, der aber offenbar eine paradoxe Wirkung entfaltet hat. Just am Freitag hat mich ein bösartiges kleines Viech im Magen-Darm-Trakt angegriffen, das ich erst nach längerem zähen Kampf in die Toilette spucken konnte. Nur, falls es Dich interessiert. Ja, gut, Stadtentwicklung hat auch was.
Guhn Ahmd und hoffentlich bis Dienstag in echt, Dein M.
danke für Deinen gut gemeinten Trinkspruch, der aber offenbar eine paradoxe Wirkung entfaltet hat. Just am Freitag hat mich ein bösartiges kleines Viech im Magen-Darm-Trakt angegriffen, das ich erst nach längerem zähen Kampf in die Toilette spucken konnte. Nur, falls es Dich interessiert. Ja, gut, Stadtentwicklung hat auch was.
Guhn Ahmd und hoffentlich bis Dienstag in echt, Dein M.
Freitag, 9. Januar 2009
Nastarowje
(n.dt.R?!), lieber Towarisch M., Nastarowje! Nun wo Dein Dreiunddreißigster naht, wird ja wohl nicht mehr ordinär nur so geprostet, sondern auf die Gesundheit. Bist ja auch nicht mehr der Jüngste und gerade erst krank gewesen - als guter Deutscher hast Du natürlich dafür Deinen Urlaub verwandt. Und mir, der ich noch ein paar Monate weiser bin, tut der Kopf weh...
Ansonsten hat mich die Lise gerade auf einige interessante Veranstaltungen zum Thema Stadtentwicklung aufmerksam gemacht. Und da ich gerade Zeit habe, werde ich mir wohl die eine oder andere in nächster Zeit reinziehen, naja.
Naja naja ist übrigens die indische Kobra. Mein neues Tier also, eventuell.
Deine Kobra in spe
Ansonsten hat mich die Lise gerade auf einige interessante Veranstaltungen zum Thema Stadtentwicklung aufmerksam gemacht. Und da ich gerade Zeit habe, werde ich mir wohl die eine oder andere in nächster Zeit reinziehen, naja.
Naja naja ist übrigens die indische Kobra. Mein neues Tier also, eventuell.
Deine Kobra in spe
Prost!
Interessant, dass Du das schreibst. Einer meiner ersten Gedanken zur Merckle-Nachricht ging auch in die verschwörungstheoretische Richtung. Der sitzt jetzt sicher neben Honecker und Hitler in Chile und investiert seine verbliebenen Milliärdchen in sommerliche Cocktails. Prost Neujahr!
Donnerstag, 8. Januar 2009
Lieber M.,
was Herrn Merckle betrifft, so argwöhne ich, dass ihm die Vorstellung, in der Rangliste der reichsten Deutschen von Platz 5 auf Platz 6 abzurutschen, arg zugesetzt hat. Da unternimmt so ein Unternehmer mit billigen Medikamenten, billigem Beton und anderlei Ramsch sein Leben lang den Versuch, der reichste Mann der BRD zu werden und zack - eine kleine Fehlspekulation auf VW-Aktien + Witschaftskrise, wo ihm seine Amigos von der Bank auf einmal keine Zock-Kredite mehr geben wollen, ein Lebenswerk dahin. Er war ja auch nicht mehr der Jüngste.
Pietätlos ist da die Anordnung der Staatsanwaltschaft, den total zermatschten Leichnam obduzieren zu wollen. Da wird doch nicht etwa eine noch ärmere Sau liegen, während Herr M. in Liechtenstein... Das wäre eine schöne Geschichte: Merckle lebt! - Zumindest überall dort, wo Männer und Frauen ihr Leben nur an ihren Penunzen messen.
Bis später
R. der Kyniker
was Herrn Merckle betrifft, so argwöhne ich, dass ihm die Vorstellung, in der Rangliste der reichsten Deutschen von Platz 5 auf Platz 6 abzurutschen, arg zugesetzt hat. Da unternimmt so ein Unternehmer mit billigen Medikamenten, billigem Beton und anderlei Ramsch sein Leben lang den Versuch, der reichste Mann der BRD zu werden und zack - eine kleine Fehlspekulation auf VW-Aktien + Witschaftskrise, wo ihm seine Amigos von der Bank auf einmal keine Zock-Kredite mehr geben wollen, ein Lebenswerk dahin. Er war ja auch nicht mehr der Jüngste.
Pietätlos ist da die Anordnung der Staatsanwaltschaft, den total zermatschten Leichnam obduzieren zu wollen. Da wird doch nicht etwa eine noch ärmere Sau liegen, während Herr M. in Liechtenstein... Das wäre eine schöne Geschichte: Merckle lebt! - Zumindest überall dort, wo Männer und Frauen ihr Leben nur an ihren Penunzen messen.
Bis später
R. der Kyniker
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