Mittwoch, 11. Februar 2009

Mhuaaa-äh?

Sanfte Grüße, würdiger Fleischbruder,

denn Deine Worte sind von entzückend dunkler Bedeutsamkeit, fernab von den widerlich hellen Strahlen sterblicher Erkenntnisse. "Kunst ist Welterweiterung kraft der Denkbarkeit des Unmöglichen im Rahmen des Möglichen." Nun, das zieht den fragenden Geist hinab in die Tiefen folgender Problemsphären:

1. WELTERWEITERUNG - welche Welt meinst Du? Die-Welt-Die-Ist ja wohl nicht, denn die wird von wie auch immer gearteter Kunst nicht erweitert. Die-Welt-Die-Ist ist ja a priori die Welt des Seins und des Möglichen und schließt das Unmögliche aus.

2. DAS (oder zugespitzt ALLES) UNMÖGLICHE ABER DENKBARE - es gehört zwar in die Sphäre menschlichen Bewusstseins, also zu uns, aber vor allen Realitätsprüfungen. Wenn Du Kunst also über das UNMÖGLICHE ABER DENKBARE definierst, postulierst Du für die Kunst eine außerweltliche (außerhalb Der-Welt-Die-Ist) Qualität als inhärentes Wesensmerkmal, eine Teleologie auf eine blaue Blume hin. Und: das Unmögliche und das Transzendente sind nicht wesensgleich! Über seine erfahrbare Wirklichkeit hinauszugehen, heißt, sie zuerst zu akzeptieren und zu verinnerlichen. Das Unmögliche hingegen entstammt unserer Phantasie bzw. wo es mit unseren Wünschen identisch ist unserer (infantilen) Allmachtsphantasie.

3. Der RAHMEN DES MÖGLICHEN - wenn Du diesen als Abschlussgröße, als Grenzwert jeder künstlerischen Ausformung benennst, wird Kunst nach den ersten Annahmen zur Summe der Diskrepanz zwischen Wollen und Können. Diese Definition von Kunst muss zwangsweise in der romantischen Ironie verenden, deren Hauptmerkmal ja eben diese Diskrepanz ist. Damit wird Kunst aber zum resignativen Produkt der Haderer mit der Welt, die letztendlich den Rahmen ihrer eigenen Lebenswirklichkeit nie zu überschreiten (zu transzendieren) vermögen, außer in eben diesem Scheitern. Mit einem Wort: Romantiker.

Werter M., Du bist mir lieb, die Romantiker aber nicht. Kurz gesagt, ich glaube nicht, dass Deine Definition von Kunst stimmt. Im folgenden will ich gern versuchen, mich meinerseits dem Wesen der Kunst anzunähern. Bitte verzeih mir, wenn ich es nicht in einem kurzen Satz versuche, sondern über drei Thesen. (Ich liebe Dreisätze, wie Du ja weißt.) Also:

1. Kunst ist ihrem Wesen nach schöpferische Arbeit reflexiver Art, sie formt also Bezug nehmend Neues aus Altem.
2. Kunst verweist stets auf bewusste und unbewusste Ansichten und Absichten des Künstlers und verarbeitet diese auf verschiedene Weise (Mimetik, Verfremdung, Transzendenz, Agitation, usw.).
3. Kunst weist über die Ansichten und Absichten des Künstlers hinaus und ist immer auch ein Ausdruck des Zeitlosen und Immergleichen im immer neuen zeitspezifischen Gewand.

Kommentar: Kunst ist demnach insofern originell, als dass sie auf der Tätigkeit (Arbeit) Einzelner beruht und diese Tätigkeit Neues hervorbringt. Dieses Neue ist seiner konkreten, individuellen Ausformung nach originär, nicht aber im leeren Raum entstanden und nicht von der Tätigkeit und dem Wesen des Künstlers zu trennen. Die Tätigkeit des Künstlers findet in den realen Bedingungen seiner Lebenswelt statt und nimmt auf diese bewusst und unbewusst Bezug. Künstlerisch ist seine Tätigkeit dann, wenn das Produkt seiner Tätigkeit, die Kunst also, über seine individuellen und zeitspezifischen Absichten hinaus reflexiv den Bezug zum Überindividuellen, Zeitlosen und Transzendenten herstellt. Kunst ist mithin die Darstellung des Tatsächlichen und des ihm innewohnenden Möglichen.

So!

Liebe Grüße

Der UntoR
Nachtrag: Oder meintest Du etwa, wie die Lise K. mir suggerierte, mit dem "Unmöglichen" etwa das UNMÖGLICH SCHEINENDE und ich tat Dir unrecht, indem ich Dich an einem falsch verstandenen Begriff erhenkte?!? Dass Mögliche, aber (noch) unmöglich Scheinende ist für mich natürlich auch ein zentraler Acker der Kunst, wenngleich nicht der einzige. Dass Kunst Vorhandenes und seine Bedeutung hinterfragen und neue Blickwinkel auf Bestehendes ermöglichen soll, ist ja, wie Du Dich vielleicht erinnerst, eine meiner frühesten Auffassungen überhaupt. Nochmals So! Antworte, wenn Du willst!

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